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Venedig zeigt im November nicht dasselbe Bild wie im Frühling oder im Sommer. Die gleiche, wunderbare Kulisse, aber eine völlig andersartige Atmosphäre. Weniger Sonnenschein, kürzere Tage, höheres Wasser und vor allen Dingen ein anderes Licht. In Venedig ist alles eine Frage der Helligkeit. Man sieht was oder man sieht nichts.
Getrübte Sicht ist jedoch nicht weiter schlimm, es bleiben die vielen, interessanten Besichtigungen. Dafür sind die Möglichkeiten schier unerschöpflich: Museen, Denkmäler, Kanäle, eine historische Schule, Restaurants, Boutiquen, etc... wir kommen noch darauf zurück.
Bei klarer Sicht ändern sich die Dinge. Man sieht die Gassen, große und kleine Plätze, Zeichnungen auf den Mauern, die schönen Decken der Passagen und alte Türen, witzige Ladenschilder. Immer wieder findet man neue Perspektiven, erkennt Schatten, Katzen, hängende Gärten, den Nebel und die Farben in der Sonne. Man erblickt die Masken und Kostüme des Karnevals, die Engel, all das Ungewöhnliche am Tag und besonders, ja ganz besonders in der Nacht.
Nächte in Venedig sind mit nichts in der Welt zu vergleichen, nachts liegt ein Zauber über der Stadt.
Mit aufmerksamen Augen und den Händen in den Hosentaschen herumspazieren, schon kann man Szenen erleben wie die Filmheldin Amélie Poulain... Ein Motoscafo wartet unter einem Steg, Seufzerbrücke der Armen, zwischen zwei Häusern auf Kunden. Eine einsame Gondel gleitet langsam mit sanftem Ruderschlag durch den grün-goldenen Lichtschein einer Straßenlaterne. Ein Malerpärchen wartet unter dem Vorbau einer Kirche, dass es aufhört zu regnen. Touristen heben ihre Fahrräder, um eine der Hunderte kleiner Brücken Venedigs zu überqueren. (Vermutlich, da bin ich mir sicher, wird man eines Tages sogar Skifahrer erblicken, nichts scheint verwunderlich in dieser Stadt).
An jeder Ecke zeigt sich ein neues Bild. Im Lichtkreis einer Beleuchtung kaum wahrnehmbare, ockerfarbene Fassaden, menschenleere Kais in Erwartung der verspäteten Julia. Eine byzantinische Pforte unter einem Feigenbaum sieht aus wie ein Bühnenbild. In einem verlassenen, kleinen Innenhof thront einsam ein Brunnen. Vor der weißen Fassade einer Kirche hallen die hohen Absätze einer Dame von Welt, ihren Pelz fest um die Schultern gezogen. Dort auf einmal ein Eisensteg zwischen dem blätternden Putz auf Backsteinmauern....
Bitte Eintreten, die Galerie ist geöffnet. Gönnen Sie sich das Vergnügen, Venedig ist auch allein zu genießen.

Des Alleinseins überdrüssig kann man sich dann wieder unter die Menge mischen, eine nicht weniger vergnügliche Aussicht. Dazu gehört, sich auf das Geländer Rialto-Brücke zu lehnen, in Richtung der Restaurants blicken und sich von den spiegelnden Lichter der Stadt wiegen zu lassen. Dann die Seite wechseln, der Blick fällt auf die alten Paläste, die einem Gemälde aus dem 18. Jh. zu entstammen scheinen.
Nach dem Hinabsteigen der Stufen heißt es die Augen zur Decke der linken Passage richten und einen Moment lang unter den Malereien verhalten. Vielleicht ein wenig zur Seite treten, um allein unter den hundertjährigen Balken zwischen den ewig feuchten, nur von Eisenlaternen erleuchteten Säulen des Fischmarktes stehen zu bleiben, bevor man weiter zum anschließenden Kai flaniert. Nur wenige Meter findet sich auf der anderen Kanalseite das wohl schönste, gotische Kleinod der Welt: Ca‘d‘Oro. Als es Mario Contarini 1421 erbauen ließ war der Palast mit Gold bedeckt.
Danach steht zur Wahl, zurück in die Zivilisation oder die Schritte durch dunkle, leere Gassen zur Scuola San Rocco richten. Für diesem Fall, bitte erneut den vorherigen Abschnitt lesen. Es ist eine unendliche Geschichte, wie Venedig selbst.

Lauschen Sie den Glocken von San Marco.

Mit etwas Glück kommt man an dem kleinen Laden vorbei, wo es die verführerischsten Pralinen Venedigs gibt (siehe Adressen).
Bis spät in die Nacht kann durch den Canale Grande mit dem Vaporetto (Linie 1) in beiden Richtungen gefahren werden, vorbei an großen, gespenstigen Palästen hinter deren Fenster goldene Verkleidungen und Lüstern schimmern.
Es gehört unbedingt dazu, sich nachts in der Weite des Markusplatzes zu verlieren. Das Orchester des Florian ist immer da, ebenso die beiden der gegenüberliegenden Cafes. Das Spiel geht so, den Punkt zu finden, wo sich die Musik der drei Orchester überschneiden und dann die Musikstücke zu erkennen. Nicht ganz einfach... Ein Blick auf die gerade dahinter liegende Basilika. Wie viele Tauben mögen unter den Dächern schlafen? Anderes Spiel: Von der Achse des Pfeilers gegenüber dem Haupteingang eine gerade Linie bilden, um festzustellen, dass sich die Basilika tatsächlich nicht in der Mittelachse des Platzes befindet... Mit etwas Glück kann die Kirche noch durch die linke, den Gläubigen vorbehaltene Tür betreten werden. Ungleich schöner als mit Touristenrummel.

Der Dogenpalast ist nur wenige Schritte entfernt. Tauben schlafen um diese Zeit. Das sollte man ausnutzen und sich, dem Palast zugewendet, im Rücken das sehr gute Jazzorchester des Cafes, der Atmosphäre hingeben.
Es ist gut den Rundgang auf der Seufzerbrücke enden zu lassen. Man muss sie zu später Stunde sehen, wenn die Touristen gegangen sind und dort nur noch die Verliebten im fahlen und geheimnisvollen Licht dieses unwiederbringlichen Augenblicks Küsse und Schwüre der ewigen Liebe tauschen.
Noch zwei letzte Bemerkungen zum Kapitel Nacht:
Gondeln sind schön am Tag, aber ehrlich gesagt, noch viel schöner bei Nacht.
Sie kosten etwa 80 € für 40 Minuten. Teurer als eine Fahrt mit der Geisterbahn, aber viel aufregender und romantischer. Man braucht nur eine
Gondel zu finden, die den Sehenswürdigkeiten am nächsten liegt, die man sehen möchte. Vierzig Minuten können sehr kurz sein.
Wer am Tage die Läden entdeckte, die Masken und Karnevalskostüme verkaufen, sollte nachts dorthin zurückkehren. Kein Vergleich zum Anblick bei Tageslicht.....
Eines Abends sich für ein kleines Restaurant mit Tischen draußen am Kanalufer entscheiden, bestellen was gerade Lust macht und an alle diejenigen denken, die gerade nicht dabei sind. Nachsinnen, in aller Ruhe über Gott und die Welt nachdenken. Das mag sich egoistisch anhören, aber von Zeit zu Zeit tut das ausgesprochen gut.

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Text & Fotos: © JF Macaigne
Fortsetzung der Reise