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10. Juli 2014

Die Bretagne: Mystik, Austern, Städte

Die Bretagne als Hausbootrevier wird nicht nur denjenigen in Erstaunen versetzen, der das Hausbootfahren ausschließlich mit dem ‚canal du midi‘ in Verbindung bringt. Schon alleine die (Auto-)Anreise erscheint ein gewaltiges zeitliches Unterfangen von leicht mehr als zehn Stunden, was sich jedoch mit einem angenehmen maximal 1 1⁄2 - bis 2-stündigen Flug nach Nantes leicht umgehen lässt. Die kg-Beschränkung des Gepäcks nimmt man leicht in Kauf, denn auf dem Hausboot ist ja auch kein Platz für umfangreiche Abendgarderobe. Der günstige Flughafentransfer führt direkt zum Bahnhof von Nantes, von dem aus gute Zugverbindungen nach Redon und damit in 20 km Entfernung zur Locaboat-Basis in St.Martin-sur-Oust führen. In Nantes sollte man sich aber etwas Zeit nehmen, wenn man es nicht auch als Station seiner Hausbootreise im Visier hat. (Von/nach St.Martin-sur-Oust benötigt man dazu gut zehn Tage und hat auf insgesamt 232 km nur 38 Schleusen zu befahren).

Direkt beim Südausgang des Bahnhofs befindet sich das Hafenbecken / Bassin Malakoff des Flusses Erdre, der durch den 800 m langen Tunnel St. Felix unter dem Schloss der Herzöge der Bretagne in den ‚Canal de Nantes à Brest‘ führt und auf der anderen Seite nur durch eine Schleuse getrennt in die Loire mündet. Das Schloss am Nordausgang des Bahnhofs, wie der angrenzende Botanische Garten lassen sich besichtigen, direkt daneben die malerische Altstadt mit ihrem Kneipenviertel, wo sich Crêperie an Crêperie reiht und man auch das Jugendstilrestaurant ‚La Cigalle‘ besuchen sollte. Im Haus der Loire-Weine (Maison des Vins de Loire) wird man sachkundig durch 80 unterschiedliche Weine geführt, wobei man vor allem den Geschmack des Muscadet auf dem Gaumen behalten sollte, denn er wird auf der Reise die Muscheln und Austern mit seinem Aroma bereichern. In den ehemaligen Werft- und Hafenanlagen in Trentemoult setzt sich in Jules Vernes Geburtsstadt ein riesiger Holzelefant in Bewegung und ist nur ein Zeugnis des reichhaltigen Kunstprojekts ‚Machines de l’Île‘. Die heutige Kunstmetropole lässt dabei nicht außer Acht, dass ihr Hafen einst die zentrale Drehschreibe des ‚Dreieckhandels‘ und damit der Sklaverei war.

Im Reich der Feen und der Sagen um König Artus Tafelrunde und bei den Klängen der bretonischen Musik, wie sie neuerdings im Zusammenspiel der Rockgruppe Red Cardell und der traditionellen Bagdad Kemper zu hören sind, werden diese tristen Gedanken verscheucht. Die Bagdad sind die Holzflöten und keineswegs die Stadt im Irak... Von St.Martin-sur-Oust fährt man zuerst in Richtung Süden und nach Redon, der bretonischen Hauptstadt des Wassertourismus. In dem kleinen Städtchen kreuzen sich die Vilaine und der Nantes-Brest-Kanal. Es lohnt sich wirklich, diesen Streckenabschnitt des Flusses Oust, der ein Zwischenstück des Kanals bildet, in beiden Richtungen zu befahren, denn er ist von einer ausgesprochenen landschaftlichen Schönheit. Die mitten im Fluss gelegene ‚Ile aux Pies‘ dient Verliebten als besonderer Haltepunkt, während Pont d’oust in Peillac die historisch wichtige Brückenfunktion des Ortes zum Ausdruck bringt.

Zuvor laden malerische Orte wie La Gacilly dazu ein, den Nebenarm der Aff hinaufzufahren. Mühsam zogen Pferde auf Treidelwegen die schwere Last, wie den Sand der Loire oder Kohlen flussaufwärts, um danach mit Äpfeln zur Cidreherstellung oder behauenen Steinen wieder talabwärts zu fahren. Unter seinem berühmten Bürgermeister Yves Rocher ist der blumengeschmückte Ort zu einem Zentrum von Künstlern und Kunsthandwerkern geworden. Mit dem ‚Végétarium‘ besitzt er zudem ein der Pflanzenwelt gewidmetes Museum.

Malestroit ist ein bezauberndes Städtchen mit seine Fachwerkhäusern und den aus Granit erbauten würdigen Bürgerhäusern. Nicht umsonst trägt der Ort die Bezeichnung ‚Perle des Oust‘ zu sein. Die Leder- und die Leinenherstellung schufen im 18. Jahrhundert die Grundlage des Reichtums. Auf das Schloss von Josselin mit seinen Türmchen, das in seinen Ursprüngen zwischen dem 14. Und 16. Jahrhundert erbaut wurde, fährt man direkt zu, wenn man aus der Schleuse 35 ausfährt. Hier hat sich das berühmte Adelsgeschlecht der Rohans nieder gelassen. Direkt vor der malerischen und fotogenen Kulisse kann man sein Boot zu einem Landgang oder einer Übernachtung festmachen. Schon 17 km weiter folgt der Ort Rohan, der nach dem bretonischen Adelsgeschlecht benannt ist. Um die 65 km beträgt die bisherige Fahrstrecke bei nur 15 Schleusen – Zeit, nach einer Wochenreise wieder gemütlich dieselbe Strecke zurück zur Basis fahren. Vor allem in den Marktorten wie Malestroit ist es Pflicht, sich mit heimischen Produkten zu versorgen.

Die Auswahl an fangfrischem Fisch ist überwältigend. Meeresfrüchte, wie Muscheln, Hummer und Meeresspinnen sowie die Demoisselles/Crevetten von Loctudy sind, neben dem traditionellen Fischangebot, nicht zu verachten. Besondere Bedeutung kommt den bretonischen Austern von Cancale zu, die als ‚plate‘ oder ‚creuse‘ im halben oder ganzen Dutzend angeboten werden. Ihr Geschmack erinnert, nur ganz leicht mit einem Tropfen Zitrone beträufelt, an das Meer und die unstillbare Sehnsucht zu reisen. In jedem Ort kann man sicherlich eine Crêperie finden, die traditionell zuerst eine ‚galette‘ anbietet – einen dünnen Pfannenkuchen mit herzhaftem Inhalt – von Schinken mit Käse bis zur Gänseleberpastete ist dabei alles vorstellbar. Zu allem passt auch immer ein Cidre, der in halbhohen Keramiktassen serviert wird und aus lokaler Produktion stammt. Danach folgt ‚als Nachtisch‘ die süße Variante, eben ein Crêpe – Honig, Heidelbeereis, Schokolade... auch hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt.

Da dies nur ein kleiner Ausschnitt aus der bretonischen Hausbootszene ist, die sich auf der Vilaine bis zur Hauptstadt Rennes erstrecken kann, heißt es: ‚Kenavo‘ – was auf bretonisch ‚Auf Wiedersehen‘ bedeutet!

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