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Den Nivernais Kanal ohne Führerschein mit dem Hausboot erkunden, Wein und Gastronomie geniessen
09. Juni 2015

Mit dem Hausboot das Wein-ABC des Burgunds buchstabieren: Auxerre, Bailly Chablis…

von Hubert Matt-Willmatt

Im Burgund ist die (Weinberg-)Schnecke das Wahrzeichen. Also warum nicht einmal im bedächtigen Schneckentempo durchs Burgund reisen und dabei einige bekannte Weinorte besuchen?

Ein Hausboot bietet sich für eine derartige Entdeckungsreise an, zudem ist das Burgund mit seiner Vielzahl von Kanälen und kanalisierten Flüssen ein beliebtes Revier für Hausbootferien. Gut vier Auto-Stunden von Basel entfernt, bietet sich am Anreisetag das Städtchen Joigny mit seinem Freizeithafen an. Joigny liegt an der kanalisierten Yonne, die nach knapp 40 km in die Seine mündet. Die Provinzstadt besitzt eine besuchenswerte Fachwerk-Altstadt und beherbergt seit Jahren das überragende Drei-Sterne –Lokal von Jean Michel Lorain. In unmittelbarer Nähe des Hafens liegt das ‚La Rive Gauche‘ seiner Tochter Catherine Lorain, das zu erschwinglicheren Preisen eine sehr gute und ambitionierte burgundische Küche kredenzt. Am nächsten Morgen geht’s nach kurzer Einweisung an der Hausboot-Basis von Locaboat Holidays auf Fahrt. Ist die erste Schleuse erfolgreich überwunden, genießen die Freizeitkapitäne das „Abenteuer“ Hausboot. Links und rechts der Wasserstraßen bieten Erzeuger ihre lokalen Produkte an – vom Honig über Eier bis hin zum Wein und Crémant. Den verlockenden, auch alkoholischen, Angeboten kann man getrost nachgehen, denn nach jeder ‚dégustation‘ schaukelt einen das Boot sofort in ein bekömmliches Alkohol-Verdunstungsschläfchen.

Die erste Station auf der Reise ist dem Symboltier des Burgunds, der Schnecke gewidmet. In Bassou befindet sich die Boutique Billot, die alle essbaren Produkte rund um die Éscargots verkauft, die dort von einem elsässischen Unternehmen ‚gezüchtet‘ werden. Was passt dazu nicht besser als ein Chablis oder ein Auxerrois? Die Stadt Auxerre liegt nach 31 km als willkommene Tagesetappe genau richtig. Direkt am Quai und in Reichweite der bunten Fachwerkhäuser wird festgemacht und die Altstadt auf verwinkelten und steilen Gassen erkundet. Dabei helfen die in den Boden eingelassenen Markierungen des ‚Cadet Roussel‘. Dem skurrilen Mitbewohner, der Mitte des 18. Jahrhunderts hier als Gerichtsvollzieher wirkte, hat die Stadt ein Denkmal gesetzt – in Frankreich kennt ihn wegen eines Spottliedes jedes Kind. Alleine drei Kirchtürme überragen die knapp 50.000 Einwohner zählende Stadt, die schon seit dem 3. Jahrhundert Bischofssitz ist. Ein Besuch der Kathedrale Saint Etienne mit einer Darstellung des Jüngsten Gerichts am Hauptportal und einer Krypta aus dem 11. Jahrhundert sollte nicht verpasst werden. Neben zahlreichen malerischen Plätzen und Gebäuden springt besonders der Uhrenturm (Tour de l’Horloge) ins Auge. In einer ‚Bar à Vin‘ gibt es glasweise den Auxerrois, der einst der bevorzugte Wein am französischen Königshof war. Im Mittelalter bedeckte der Weinbau fast die gesamte Anbaufläche der Stadt – heute sind davon nur noch fünf Hektar übrig ‚le Clos de la Chaînette‘ (AOC), gilt seit dem 7. Jahrhundert als eines der ältesten Weingüter Frankreichs. Immer in der ersten Dezemberwoche können 2.600 eingeschriebene Kunden 12 Flaschen des raren Weins erwerben… Südlich und südwestlich der Stadt wachsen in einem Umkreis von 15 km und auf 1.200 Hektar (Vignoble du Jovinien) vor allem Chardonnay, Sauvignon blanc, die lokale Sorte des Aligoté und die Rotweine des Pinot Noir sowie Gamay. Als Einkehrtipp ist das im Stil eines Lyoner ‚bouchon‘ geführte ‚Le bistrot du palais‘ des humorvollen Maître Joseph zu empfehlen, das in einem umgebauten Kinosaal untergebracht ist. Während Ingrid Bergmann und Jean Gabin von historischen Filmplakaten grüßen, lässt man sich von Gougères (Käsewindbeuteln), Tête de veaux (Kalbskopf), einem Epoisse und den Mandelkeksen ‚Croquet de Saint Bris‘ kulinarisch verführen. Immer am dritten Sonntag im Mai findet alle zwei Jahre und damit 2016 das Weinfest ‚Fleurs de Vigne‘ statt.

Das Hausboot nimmt nach morgendlichem Croissant, Baguette und Kaffee wieder Fahrt auf und direkt nach der geschwungenen Brücke, die Le Corbusier erbaute, zweigt der ‚Canal du Nivernais‘ ab. Er verbindet auf 174 km die Seine und die Loire und wurde erbaut, um Holz aus dem Morvan, aber natürlich auch Burgunderwein nach Paris zu transportieren. Direkt an den Trainingsplätzen des berühmten AJAuxerre vorbei geht es nach Vaux, in dem zwei Winzerbetriebe (Domaine des Nantelles und André Donat) zur Weinprobe einladen. Dem Ort Champs sur Yonne sieht man heute seine ehemals wichtige Bedeutung mit einem ehemaligen Hafen zur Verschiffung von Weinen aus der Umgebung nicht mehr an – er bietet sich aber zu einem Erkundungsspaziergang an. In Escolives—Sainte-Camille stößt man etwas außerhalb des Ortes auf die römische Siedlung ‚Scoliva‘, die erst seit 1955 archäologisch erkundet und seitdem ausgegraben wird, ein gefällter Nussbaum legte Überreste von inzwischen an die tausend erfassten merowingische Gräbern und eine umfangreiche gallo-römischen Siedlung mit einer imposanten Badeanlage frei. Auf den gefundene Friesen aus dem 2. Jahrhundert befinden sich auch Szenen zum Weinanbau und Blätter der Cäsar-Traube – heutige Weine lassen sich in der Domaine Bognat verkosten. In Vincelles (Vini Cellae) ist der Ortsname schon (Wein-)Programm. An der Yonne führte die Römerstraße der Via Agrippa entlang und zur Verköstigung der Reisenden wurde dort ein Weinkeller angelegt. Die burgundische Gastfreundschaft lässt auch heutzutage die Zeit wie im Fluge vergehen und so wird es langsam Zeit zum Abendessen. Dazu bietet sich als nächste Station und nach gemächlichen, naturbelassenen 17 Flusskilometern das Örtchen Cravant an – nicht allerdings ohne vorher in der Hostellerie St.-Pierre angerufen zu haben. Auf wenige Tische begrenzt, bieten dort Céline und Frédéric Benucci ein 6-Gang-Menü zum Preis von ca. 30 € an. Céline stammt im Übrigen aus Valff bei Barr / Obernai im nördlichen Elsass und empfiehlt zum wohlschmeckenden Essen einen Maranges Blanc und danach einen Irancy Rouge. Beim Gang durch das malerische Stadttor (Porte d’Orléans) kommt bald der Stadtturm ‚Donjon‘ in den Blick, den die ehemalige Modeschöpferin Colette Bechet über 30 Jahre bewohnte. Die rüstige Dame mit ihren ‚vier mal 20 Jahren‘ kleidete Brigit Bardot, Claudia Cardinale und zahlreiche saudische Prinzessinnen ein – ein Don Juan lief ihr nicht über den Weg, aber eben der Donjon, für den sie nun einen würdigen Käufer sucht. Für den nächsten Tag stehen drei Weinorte zur Besichtigung und Verkostung an, deren Weine es inzwischen qualitätsmäßig mit den berühmten Lagen im Côte d’Or aufnehmen können, es sind dies Saint-Bris-le Vineux, Vincelottes und Irancy. Mit einer sanften Drehung wird das Hausboot gewendet und in die Fließrichtung der Yonne gebracht – ab jetzt schleust man bis Joigny flussabwärts. Viele Schleusen im Oberlauf des Kanals sind noch von Schleusenwärtern besetzt und werden von Hand bedient – Mithilfe ist gerne gesehen und bietet auch die Zeit zu einem kleinen Schwätzchen und Informationen zu Einkehr- und Verkostungstipps. Nach Chablis, das am Fluss Serein und in ca. 10 km Entfernung liegt, kommt man mit dem Hausboot nicht direkt, aber dem dort und in der Umgebung an- und ausgebauten Chardonnay begegnet man auf Schritt und Tritt. Der Kalkstein, auf dem er gedeiht, bringt einen fruchtigen, trockenen, säurebetonten und fast metallisch anmutenden Wein hervor. Sieben Grand Cru Lagen kennt Chablis. In Vincelottes, aber vor allem im malerischen Irancy, das man zu Fuß oder mit dem Rad erreicht, wird man in zahlreichen Weinbaubetrieben neben dem lange haltbaren Chardonnay vor allem auch herbe Pinot Noir antreffen. So hat man fast keine Flusskilometer zurückgelegt und doch einen mehr als abwechslungsreichen Tag verbracht. Ein kleiner Anleger in Bailly lädt zu einem Aufenthalt über Nacht ein und zu einem Abend mit einem gemeinsam zubereiteten Mahl, das an Deck genossen wird und hervorragend zu den eingekauften Weinen passt.

 

Am nächsten Tag locken die 200 Meter höher gelegenen ‚Caves de Bailly‘ zur Besichtigung und Verkostung. Die Gänge des ehemaligen Kalksteinbruchs liegen ca. 30 – 50 Meter unter der Erde, erstrecken sich auf fünf Hektar und weisen eine konstante Temperatur von 13°C bei einer Luftfeuchtigkeit von 90% auf. Der Kalkstein wurde u.a. für den Bau von Notre Dame und Versailles verwendet – von 1917 – 1972 war in den Gängen eine Pilzzucht untergebracht. Die Winzergenossenschaft mit 70 Winzern liefert seitdem ihre handgelesenen Trauben in durchlöcherten Bottichen ab, um eine zu schnelle Gärung zu verhindern. Seit 1975 werden die perlenden Köstlichkeiten mit der Appellation ‚Crémant‘ vertrieben. Alleine vier Mio. Flaschen, die maschinell gerüttelt werden, lagern hier mindestens zwei Jahre, bis sie in den Verkauf kommen. Skulpturen einheimischer Künstler zieren die Galerien, bis es in den ebenfalls unterirdisch gelegenen, großen Verkostungsraum geht. Vom Chardonnay blanc über einen Pinot Noir zur Assemblage Pinot Noir und Chardonnay, vom Extra brut ‚Ravizotte‘ mit 4 gr. Restzucker zum ‚Vive la Joie‘ als Blanc oder Rosé, dann zum Rosé brut mit 80% Pinot Noir und 20% Gammay oder zum Extra Dry (20 gr. Restsüße)…. Insgesamt gibt es 16 unterschiedliche Crémants … - und dazu noch Schaumweine und ‚stille‘ Weine zu verkosten.

 

Unglaublich schnell geht eine erlebnisreiche Woche zu Ende, die man nochmals zu einem Halt in Auxerre oder einer Erkundungsfahrt auf dem einmalig schönen, aber schleusenreichen ‚Canal de Bourgogne‘ in Richtung St-Florentin nützen kann. Dann heißt es leider in Joigny das schwimmende Heim zu verlassen, die Weinkisten ins Auto zu transportieren und ‚Adieu Burgund‘ zu sagen.

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