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21. Juni 2018

Elsass: Von Montbéliard nach Illkirch-Graffenstaden

Im Mai 2017 habe ich den ersten Teil absolviert, in sechs Teilabschnitten von der belgischen Grenze in Givet bis Paris. Seither gab es kurze Reisen an der Yonne, am Canal Latéral der Loire sowie entlang der Loire mit dem Fahrrad. Diese Kurztrips waren allerdings immer nur ein paar Kilometer lang, hier und da eingeschoben, falls ich wegen eines Treffens, Urlaub mit Irène oder Ähnlichem in der Gegend war. Bis zum 13. November: Dann ging es für mich wieder los, ganz allein und voll konzentriert. Mein BlablaCar Fahrer brachte mich ans Ufer des Rhein-Rhone Kanals in Montbéliard, direkt gegenüber des riesigen Peugeot-Werkes. Von hier aus ging es weiter gen Nordosten.

Mitte November trifft man fast keine Menschenseele schippernd auf dem Kanal, die meisten Pénichettes werden zudem im Winter aus dem Wasser gehoben. Für einen radfahrenden Kanal-Blogger bedeutet das jedoch nicht automatisch eine Verschnaufpause! Damit ich mein Ziel - das komplette Wasserwege-Netz abzufahren - auch wirklich erfüllen kann, musste ich mich auch durch die Jahreszeit kämpfen, die die Franzosen zu Unrecht als „tot“ bezeichnen. Die Kanäle sind auch im Winter ein echtes Erlebnis, das können hunderte Bohemians bestätigen, die das ganze Jahr über auf ihrem Hausboot oder ihrer Motoryacht wohnen, umgebaut zu einem dauerhaften Wohnsitz mit allen Annehmlichkeiten. Sogar Locaboat hat in der Vergangenheit bereits Boote in der Camargue über Weihnachten/Silvester vermietet!

Obwohl die meisten Boote, die ich sah, angelegt hatten, war der Kanal voller Leben und die blätterlosen Bäume boten eine wunderschöne, faszinierende Kulisse. Ich habe noch nie so viele Tiere in freier Wildbahn gesehen wie in diesen fünf Tagen im Elsass. Kurz nachdem ich den Anlegehafen bei dem alten Kanal an der Exincourt Schleuse (Nummer 12) verlassen hatte, sah ich einen Eisvogel, der über die Wasseroberfläche glitt, seine blau-leuchtenden Flügel schillerten im Sonnenuntergang – was für ein Anblick! Wenig später beobachtete ich Reiher, die vertieft ihre typischen Schleifen flogen. Auf dem Colmar Kanal zwei Tage später begegneten mir ein paar Bisamratten, die direkt vor mit in den Kanal hüpften, auf der Suche nach Ruhe und wahrscheinlich etwas leckerem zu Knabbern am anderen Ufer. Diese Kontakte mit der Natur sind Teil der Hausboot-Erfahrung im Sommer – im Winter sind sie geradezu überwältigend, weil sie das einzige sind, das die unglaubliche Stille kurz unterbricht.

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erreichte ich Dannemarie, deshalb nahm ich den TER Regionalzug nach Mulhouse und buchte mir ein B&B für die Nacht. Der alten Hafen von Mulhouse ist ein bemerkenswerter Ort, wurde aber leider von einigen Jahren übernommen und in einen langweiligen Stadtpark verwandelt, ohne Leben und ohne Berücksichtigung der industriellen Vergangenheit des Hafens - abgesehen von einem verlassenen, schwimmenden Nachtclub.

Nach Mulhouse erfolgte ein abrupter Übergang von dem engen „Freycinet“ Kanal zu dem breiten Hafenbecken, offen für die Rheinschifffahrt seit den 70ern. Die Schleife an der Kreuzung des verlassenen nördlichen Arms des Rhein-Rhône-Kanals nennt sich „Île Napoleon“, mit einem Denkmal des Herrschers (solche sind recht selten in Frankreich). Die Besatzung eines Kreuzfahrtschiffes war gerade an der dortigen Anlegestelle mit der Wartung beschäftigt. Zwei Schleusen bei Niffer bieten eine beeindruckende Kulisse, mit dem nahe gelegenen Schwarzwald als Hintergrund.

Hier machte ich einen Schlenker Richtung Süden, um den bezaubernden Hüningen-Kanal zu entdecken, der zu dem schönen und einladenden Bootshafen Kembs führt. Die Hebebrücke hier lädt Bootsreisende auf den ersten Blick zur Entdeckungsreise ein – doch das Fahren ist leider verboten. Der Kanal dient lediglich dazu, die Schleusen bei Niffer zu versorgen, seine Strömung ist derzeit unangenehm stark - es würde eigentlich ausreichen, den Kanal einfach auszubaggern und seine drei Schleusen anzupassen, um ihn Richtung Huningue befahrbar zu machen. Das Wildwasser-Hafenbecken, das das Wasser der Eingangsschleuse des Rheins nutzt, ist zwar eine nette Sehenswürdigkeit für Bootsreisende, ihnen wäre aber viel mehr geholfen, wenn es nutzbar wäre. Ich verbrachte meine zweite Nacht auf der anderen Seite des Flusses in Weil am Rhein.

Die Strecke entlang des großen Elsass-Kanals bietet sich nicht gerade zum Radfahren an. Es eine Ingenieur-Meisterleistung, doch kaum nutzerfreundlicher als eine Autobahn. Der Rundweg führt oft am Fuße der Böschung entlang, gleichzeitig ist der Fahrbahnbelag verdichtete Erde mit unregelmäßigen Steinen, die nur ein sehr langsames Fahren erlauben. Mir wurde sowohl der Zutritt zur Schleuse von Kembs als auch zum Hafen von Ottmarsheim verwehrt, wo gerade Container von Rheinschiffen entladen wurden.

Nach einer Nacht in Biesheim machte ich einen Abstecher einem anderen unverfälschten Arm des elsässischen Kanal-Netzwerks: den Kanal von Colmar. Die Reihe von Aquädukten entlang der vielen Bäche und Ströme sorgt für die Trockenlegung der weiten Ebenen des Elsass und ist charakteristisch für diesen Kanal bis hin zur Ill, die auf gleicher Höhe direkt nach der letzten Schleuse kreuzt. Es gibt keine Brücke, um den Fluss zu überqueren, deshalb verlief meine Route flussaufwärts bis zur nächsten Brücke und dann weiter der Hauptstraße bis in die Stadt. Nach dem Mittagessen und einem exzellenten Flammkuchen in eine der alten Brasserien im Stadtzentrum zog es mich zurück zum Kanal, dieses Mal aber nach links zu einem weiteren verlassenen Teil, den 23 Kilometern zwischen Artzenheim und Friesenheim. Schon 2000 hatte ich die Instandsetzung dieser Verbindung empfohlen, die Schleusen sind alle bereit; was für eine tragische Vergeudung von der elsässischen Regierung, das Projekt verkommen zu lassen! Hoffentlich wird dieser Abschnitt mit elf erneuerten und einer komplett neuen Schleuse bald wieder nutzbar.

Nach einer letzten Nacht in Rhinau radelte ich den Rheinweg 5 Kilometer, bei der Schleuse von Rhinau bog ich in den Verbindungskanal aus den 60er Jahren ein, der an Schleuse 75 mit dem ursprünglichen Kanal zusammenfließt. Es gibt keine Zufahrtsstraße, dementsprechend ist das Radeln über schlammige Wege eine echte Herausforderung. An einer Stelle gab es nicht mal mehr solche, auf der Länge von einem Kilometer war ein Waldweg die einzige Option. Der Zusammenfluss mit dem alten Kanal an Schleuse 75 brachte mich zurück auf den exzellenten Fahrradweg, angelegt von der Regierung des Niederrheins, perfekt geeignet für eine schnelle Tour nach Straßburg. Naja, fast: Die Müdigkeit überwältigte mich und ich beendete den Tag in Illkirch-Graffenstaden und nahm die Tram zum Hauptbahnhof. Das bedeutet: Der nächste Trip geht vom Süden Straßburgs bis durch die Vogesen. Im Frühling und Herbst geht die Reise im Nordosten weiter.

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