Mecklenburg
JF Macaigne

       
 

Samstag
Für uns Südländer scheint der Norden mit seinen Seen und Wäldern wie eine andere Welt, irgendwo angesiedelt zwischen den Märchen der Gebrüder Grimm und den germanischen, nordischen Sagen. Doch unerschrocken wie wir sind, keine wie auch immer geartete Gefahr fürchtend, machen wir uns auf, den Wahrheitsgehalt dieser Geschichten zu überprüfen. Wie wir nun bestätigen können, sind die Seen und Wälder wirklich eine ganz andere Welt. Sie sind eine unerschöpfliche Quelle von schönen Erlebnissen, Anlass zu Träumereien und eine echte Erholung. Dagegen sind die südlichen Meere eigentlich nichts. Na ja, ich übertreibe vielleicht ein bisschen, aber es stimmt, wenn man einmal unter dem Sternenhimmel auf den stillen Wassern eines der Seen rund um die Große Müritz geschlafen hat, möchte man es immer wieder tun.

Der Liegehafen von Locaboat in Fürstenberg

Die Reise beginnt mit einem Sprung mit Easy-Jet nach Berlin, gefolgt von einer guten Stunde Bahnfahrt bis ins weiter nördlich gelegene Fürstenberg. Dort übernehmen wir eine Penichette, damit geht der Spaß schon los... Die Hinweise von Torsten, ein freundlich lächelnder, bärtiger Riese, der den Liegehafen von Locaboat sachkundig betreut, und das herzliche Lachen von Nancy beim Empfang, sind allein geeignet, uns in eine euphorische Erwartung zu versetzen. Damit haben wir schon einen Vorgeschmack auf eine ungewöhnlich erlebnisreiche Woche. Noch ist alles im grünen Bereich, kein Grund zur Beunruhigung. Zwar wird sich das bald ändern, jedoch möchten wir keines der aufregenden Erlebnisse missen.
Gleich beim Betreten der Penichette fällt ein kleiner Strauß mit Margeriten auf dem Tisch ins Auge. Keine große Sache, aber man fühlt sich gleich willkommen. Flower Power ! Das wohlgefüllte Wägelchen mit den Einkäufen aus dem Supermarkt auf der anderen Seite der Stadt wartet auf dem Ponton, dass es ausgeladen wird. Noch ein kleines bisschen Geduld, sobald sich der Techniker davon überzeugt hat, dass eine Besatzung die 1020 (oder ein anderes Modell) voll im Griff hat, kann‘s losgehen.
Ich liebe dieses Gefühl in dem Moment wo die Leinen zum ersten Mal losgelassen werden, diese Freiheit dem Alltag zu entrinnen. Unser Abenteuer beginnt in Fürstenberg. Die Natur, die Seen, die Binsen, die tiefen Wälder die wir gemächlich durchqueren werden. Natürlich säumen auch einige Städte, Anzeichen von Zivilisation, unsere Strecke. Das spielt jedoch keine große Rolle. Aber davon später....

Die Erlebnisse beginnen gleich nach dem Liegehafen mit zwei kleinen Seen, über die ein romantischer Steg führt, dann kommteine Schleuse in die uns zwei Schwäne begleiten. Ich habe irgendwie das Gefühl in meine Badewanne zu sitzen und mit Schwimmenten zu spielen.... Damit geht schon der Nachmittag vorüber und der Himmel überzieht sich mit zartem Rosa. Auf dem kleinen See, den wir durchqueren (Röblinsee) herrscht die Ruhe eines tibetanischen Klosters. Ein seltsamer Drachen, der gerade den Kulissen des Films James Bond und Dr. No entsprungen scheint, lassen wir links liegen. Vielleicht gefällt er den Fans....
Nach einer kurzen Strecke über den von einer Schleuse unterbrochenen Kanal (Steinhavel) müssen wir fast anhalten, um einen Schwimmer überqueren zu lassen. Anscheinend hält schwimmen jung und fit! Er scheint sich sehr über den geglückten Dummenjungenstreich zu freuen. Und das in seinem Alter!
Unser Blick rundum verliert sich im dunklen, geheimnisvollen Wald. Nichts trübt diese Stille. Selbst das sanfte Gurgeln des Motors ist kaum zu vernehmen. Da hören wir plötzlich ein verdächtiges Geräusch. So, als ob uns ein großes Tier am Ufer verfolgen würde. Wer denkt da nicht an den spannenden, alten Film „Flussfahrt“ mit Burt Reynolds. In einiger Entfernung hören wir Jäger. Wir suchen das Blättergewirr nach jeder verdächtigen Bewegung ab. Im dunklen Unterholz ersticken Vogelschreie. Jetzt ist es sicher, irgendwer ist hinter uns her! Nach einigen Minuten stelle ich allerdings fest, die Uferwände werfen das Geräusch des Wellenschlages zurück. Was Vorstellungskraft nicht alles vermag...

Etwas weiter weg, entdecken wir einige Meter vom Ufer entfernt ein altes, einsames Portal, verrostet und vergessen. Es wirkt wie ein surrealistisches Bild, ein Tor zur Freiheit? Doch ist es nur der ganz gewöhnliche Zugang zu einem Schießstand. Ob der Schlüssel dazu noch existiert?
In der Stille der hereinfallenden Dämmerung bimmelt mein Handy. Erst bin ich überrascht, dann sehr ärgerlich, als ich feststelle, dass ich mit Tips und Werbung meines Anbieters überhäuft werde. Drei, vier Mal wird die Ruhe dieser wunderschönen, stillen Umgebung gestört. Dann reicht‘s, ich schalte das Handy aus.
Später sind einige prächtige Patrizierhäuser am Ufer auszumachen, die Banzkow (so heißt unser Boot) fährt in unseren nächtlichen Liegeplatz ein, den Menow-See, ganz klein, friedlich und wunderschön. In einiger Entfernung liegt schon eine andere Penichette. Deren Besatzung kennt sich wohl aus.... Die Sonne geht langsam unter und taucht die kaum von der Brise gekräuselte Wasseroberfläche in ein orange und rosarotes Licht.

Wir werfen den Anker aus. Ich bringe eine tolle Seiltanznummer auf dem Steg, um danach die nähere Umgebung zu erkunden, während auf dem Oberdeck das von Locaboat überlassende Nachtglas (toller Service) von Hand zu Hand gereicht wird. Auch die Fotoapparate kommen zum Einsatz. Die gesamte Mannschaft macht sich an die Zubereitung des Abendessens und bereitet sich auf eine Nacht unter dem Sternenhimmel vor. Um drei Uhr morgens hebe ich ein Auge und werfe einen staunenden Blick auf die Sterne. Ein kräftiger Wind hat die Wolken vertrieben, am mondlosen Himmel zeigen sich Milliarden glitzernder Punkte. Ein absolut grandioser Anblick, die Milchstraße scheint zum Greifen nah. Außer dem Geräusch des Windes ist nichts zu hören. Ich verziehe mich mit leuchtenden Augen wieder unter die gemütliche Bettdecke.

 
   
Text & Fotos :JF Macaigne